Dr. Achim Brötel

Aus der Werkstatt eines Viel-Redners

Dr. Achim Brötel bezeichnet sich zuweilen als Wanderprediger, der dafür sorgt, dass die Menschen im Neckar-Odenwald-Kreis sich ausreichend gegrüßt fühlen. Seine mehr als 200 Grußworte im Jahr sind zuweilen humorvoller als manche Büttenrede an Fastnacht. Ein Gespräch mit einem Dauerredner, der nebenher auch noch Landrat der Neckar-Odenwlad-Kreises ist.

Herr Dr. Brötel, wie viele Büttenreden halten Sie eigentlich im Jahr?

Büttenreden im Grunde gar keine. Zumindest verstehe ich mich außerhalb der Faschenacht nicht so. Richtig ist aber schon, dass ich es einfach etwas anders zu machen versuche. Mich selbst stört es kolossal, wenn irgendwo Reden völlig emotionslos und dann womöglich auch noch ohne erkennbare inhaltliche Substanz gehalten werden. Deshalb gebe ich schon beim Tempo ganz bewusst Gas, obwohl ich weiß, dass manche beim Zuhören dadurch Probleme bekommen. Eine ältere Dame hat bei einem Altennachmittag einmal so goldig zu mir gesagt: „Sie hebbe wirklich ganz toll gsproche, Herr Landrat – bloß verstanne hab ich Sie net“. Ich will aber in der Tat erreichen, dass die Leute aufpassen.

Ihre Grußworte zeichnen sich durch großen Humor aus. Woher nehmen Sie die Witze und Anekdoten?

Ich bin Jäger und Sammler. Oft schnappe ich irgendetwas auf. Man muss das Rad ja nicht jeden Tag neu erfinden. Allerdings kann ich mir bei der Fülle von Themen und Kontakten, die permanent auf mich einprasseln, vieles leider nicht auswendig merken. Deshalb habe ich immer ein kleines Blöckchen und einen Stift mit dabei. Schließlich bin ich ja auch keine 50 mehr …. Dann lese ich für mein Leben gern. Auch dabei findet sich oft etwas. Im Übrigen ist aber natürlich das Internet ebenfalls eine sehr ergiebige Quelle. Und: Manches kann man ruhig auch noch etwas weiter ausschmücken. Ich schreibe ja Grußworte und Gottseidank keine Doktorarbeit mehr.

Wie stellen Sie sicher, dass Sie denselben Witz nicht vor dem gleichen Publikum ein zweites Mal erzählen?

Für manche wäre es vielleicht sogar hilfreich, wenn ich ihn zum zweiten Mal erzählen würde, damit sie ihn wenigstens dann verstehen. Nein, aber im Ernst: Natürlich wiederholen sich auch bei mir manche Dinge. Das ist doch völlig normal. Viele Zuhörer merken das aber entweder nicht oder sind zumindest so höflich, mich nicht ausdrücklich darauf hinzuweisen. Letzteres hat bisher nur ein guter Freund aus dem Rotweindorf Waldhausen fertig gebracht, dort allerdings auf offener Bühne. Aber: Er hat ja Recht gehabt. Grundsätzlich versuche ich jedoch schon, möglichst vieles zu variieren.

Sie treten zwar mit Manuskript ans Rednerpult. Ihre Grußworte klingen dennoch nicht abgelesen. Wie machen Sie das?

Das ist ganz eigenartig. Ich habe früher ja auch 13 Jahre lang mit der BCH-Combo Tanzmusik gemacht. Wenn ich da keinen Notenständer und meine Mappe vor mir gehabt habe, war ich total unsicher. Hineingeschaut habe ich im Grunde aber nie. Das gibt einfach ein gewisses Gefühl der Sicherheit. Es ist beruhigend, dass man zur Not etwas hat, auf das man zurückgreifen kann. So ähnlich ist das mit Redemanuskripten auch. Ablesen tue ich nie. Für mich ist das eher so etwas wie eine Rückfallebene. Ein roter Faden, den man aus dem Augenwinkel heraus im Blick behalten kann. Es muss aber auf jeden Fall auch noch genügend Raum für Spontaneität sein. Deshalb gibt es kaum eine Rede, die ich tatsächlich so halte, wie ich sie ursprünglich einmal vorbereitet hatte.

Wann und wo schreiben Sie Ihre Grußworte?

Fast ausschließlich zuhause. Im Dienst geht so etwas gar nicht. Da ich unter präseniler Bettflucht leide und schon seit 28 Jahren werktags immer um 4.30 Uhr aufstehe, ist diese Frühschicht mehr und mehr zu meiner Grußwortschmiede geworden. Eine schöne Tasse Kaffee, ein kuschelig warmes Arbeitszimmer und ringsherum himmlische Ruhe – das ist das Umfeld, in dem ich am besten kreativ sein kann.

Sie bezeichnen sich gern als leidenschaftlicher Grußwortredner. Als Journalist ist man eher leidgeprüfter Grußworthörer. Wie kann man sich als Zuhörer am besten auf einen Grußwort-Marathon vorbereiten?

Es ist richtig, dass ich damit oft kokettiere. Im Grunde denke ich aber völlig anders über das Ganze. Grußworte sind eigentlich ein überholter Zopf, den man dringend abschneiden müsste. Ich wundere mich eh über die Leidensfähigkeit vieler Zuhörerinnen und Zuhörer, die das zumeist klaglos ertragen, was ihnen da geboten wird. Weniger wäre jedenfalls auch hier mit Sicherheit mehr. Ich habe einmal ganz bewusst nachgezählt. Allein im letzten Jahr waren es weit über 200 Grußworte, die ich halten musste. Wenn man sich darauf gezielt vorbereitet, so wie ich es immer tue, macht das ganz nebenbei auch eine Menge Arbeit. Ich würde das deshalb wirklich gerne reduzieren und hätte überhaupt kein Problem damit, bei zahlreichen Veranstaltungen sogar ganz auf Grußworte zu verzichten. Wenn ich die Hälfte der dadurch gewonnenen Zeit in konzeptionelles Nachdenken und die andere Hälfte in etwas mehr Freizeit investieren könnte, wäre das für mich wirklich ein Segen. Ich finde deshalb, dass wir dringend über neue Veranstaltungsformate nachdenken müssen. Nur weil etwas immer so war, heißt es nicht, dass es auch morgen und übermorgen noch so sein muss.

Zum Schluss eine Bitte: Hätten Sie ein kurzes Grußwort für unsere Leser? Aber wirklich ein ganz kurzes!

Das ist für einen Buchener in dieser Jahreszeit natürlich ein Leichtes: Hinne Houch! Damit ist alles gesagt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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